Licancabur, wir kommen! [guest post by Melina]

IMG_7562

Blick auf den Licancabur hinter der smaragdgrünen Laguna Verde

Es klopft sacht an unsere Tür. Unser verschlafenes Gemurmel scheint nicht zu überzeugen, es klopft lauter. Es ist 2 Uhr nachts. Angesichts der Tatsache, dass wir gerade einmal  5 Stunden vorher schlafen gegangen sind frage ich mich, wer zur Hölle die Idee hatte auf diesen bescheuerten Vulkan zu klettern und wer zur Hölle beschlossen hat, dass das um 3 Uhr nachts passieren soll. Im ersten Fall gibt es 4 Verdächtige: Lea, Adrian, Ivan und mich! Zweiteres haben unsere beiden Guides Alvaro und Luis uns nahe gelegt….

Also gut, raus aus den Federn – im warsten Sinne des Wortes! Bei -10 Grad Aussentemperatur macht sich mein Daunenschlafsack im unbeheizten Hotel echt bezahlt. Unsere Köchin ist ein Schatz: Pfannkuchen mit Caramelcreme (Dulce de Leche) gehen selbst um 2.30 Uhr runter. Wasser und Obst stehen auch für alle bereit, ausserdem ein spezieller Kräutertee und Koka-Blätter gegen die Höhenkrankheit.

Das Objekt unserer Begierde, der Licancabur, misst stolze 5.920 Meter (in der Höhe, versteht sich). Ergänzt wird unsere Reisegruppe dann noch von zwei netten Schweizern, die aus Mangel an anderen Guides (die sie dann eh nicht gebraucht hätten) bei uns aufgenommen werden. Los geht`s!!! Ich finde es ganz schön kalt, habe ja keine Ahnung was uns noch erwartet…. Im Auto laufen die grössten Hits der 90er: Britney Spears, The Backstreet Boys und Blink 182 sorgen für gute Laune, Vorfreude und Aufregung liegen in der Luft. Nach kurzer Fahrt erreichen wir den Fuss des Vulkanes auf ca. 4.300m Höhe.

Ausser einem spektakulären Sternenhimmel ist noch nicht viel zu sehen, alles liegt im Dunkeln. Das macht aber nix, dann können wir wenigstens nicht daran verzweifeln wie weit es noch ist, sondern uns schön auf die nächsten Schritte konzentrieren. Wie ein leuchtender Wurm schrauben wir uns Stück fuer Stück den Berg hinauf – das muss lustig aussehen aus der Ferne. Anfangs verläuft der Weg noch recht angenehm, dann wird er steiler, die Serpentinen enger. Noch sind wir optimistisch den Gipfel in den vorgesehenen 6 Stunden zu erreichen. Dann spaltet sich unsere Gruppe. Ivan fühlt sich der Höhe und der körperlichen Anstrengung nicht gewachsen und beschliesst mit einem unserer Guides abzusteigen. Unser zweiter Guide stapft weiter mit kleinen Schritten voran, verlässlich wie ein Uhrwerk!

Je höher wir kommen und je näher der Sonnenaufgang rückt, desto kälter wird es. Leas Trinkwassersystem gefriert und ich kriege trotz dicker Handschuhe, die mir die nette Schweizerin geliehen hat, dermassen kalte und steife Finger, dass ich meine Wasserflasche weder auf- noch zudrehen kann. Das Naseputzen habe ich mittlerweile mangels Taschentücher und motorischer Fähigkeiten auch aufgegeben…. Einfach laufen lassen! Gefriert eh sofort alles zu Eis!

IMG_7590

Nach dem Sonnenaufgang ein erster spektakulärer Ausblick

Lea und ich trotten schnaufend hinter den anderen her. Adrian, der gestern noch Magen-Darm hatte tippelt scheinbar leichtfüssig bergauf. Wie zur Hölle macht der das?!? Die Schweizer haben sich mittlerweile vom Guide die Erlaubnis geholt alleine weiter zu laufen. Bei unserem “Tempo” und der Anzahl benötigter Pausen, frieren die zwei sich halb zu tode. Ich dachte mal ich wäre sportlich… Naja, auf dem Gipfel werden wir sie wiedertreffen. Mittlerweile stellen wir fest, dass zwischen den fast 5.000m auf denen wir schon mal waren und fast 6.000m, denen wir Schritt für Schritt näher rücken, doch beachtliche Unterschiede zu verzeichnen sind. Nein, der Licancabur wird es uns nicht leichter machen, als wir anfangs frohlockt hatten!

Die letzten 200 Hoehenmeter werden zu Qual: unser Pfad verwandelt sich in ein sehr steiles Geröllfeld mit riesigen Brocken, die wir nur noch mit Hilfe unserer Hände überwinden können. Ausserdem beschliessen unsere Körper trotz Kräutertee und gekauten Koka-Blättern in den Wangen, dass es jetzt auch mal reicht. Kopfschmerzen, Schwindel und Atemlosigkeit zwingen uns alle 10m anzuhalten und nach Luft zu schnappen. Die Sonne scheint zwar mittlerweile, aber gegen den eisigen Wind, der uns um die gefühlt halb erfrorenen Nasen weht, kommen ihre Strahlen leider nicht an. Die Kälte zwingt uns also leider immer wieder viel zu schnell, die nächsten 10m in Angriff zu nehmen…

Kurz darauf ist mein persönlicher Tiefpunkt erreicht. Mehr als erreicht! Warum auch immer beschliesst meine linke Hand wieder aufzutauen. Und das auf so unangenehme Weise, dass ich vor Schmerzen nur noch heulen könnte! Mit Erschöpfung hatte ich gerechnet, damit kann ich irgendwie umgehen. Aber die Schmerzen in der Hand rauben mir die letzten Nerven und jegliches fitzelchen Durchhaltevermögen, dass bis dahin noch vorhanden war. Ich überlege ernsthaft, ob das der Punkt ist, an dem ich mir eingestehen sollte, dass die Tour einfach zu krass für mich ist. Sollte ich absteigen und der Sache ein Ende bereiten?

IMG_7595

Melina – nicht mehr ganz so frisch

Massage und Anpusten sei Dank beruhigt sich die Hand irgendwann wieder. Der Guide ist so nett und tauscht seine vorgewaermten Handschuhe gegen meine Eisklötze, mein  genetisch veranlagter Dickkopf taut auch auf…. Und… eigentlich ist es auch gar nicht mehr sooo weit… Also: Auf geht’s! Allez! Und veeeeenga!

Lea stapft voran, ich versuche Schritt zu halten. Und wenigstens sieht unser Guide auch nicht mehr ganz frisch aus. Das beruhigt mich etwas. Die letzen 30m bis zum Gipfel schaffen wir dann sogar ohne Pause – zwar mehr torkelnd als laufend, aber egal! Oben angekommen sind dann alle Mühen kurz vergessen. Wir stehen auf dem Rand eines riesigen Kraters, in dessen Mitte uns ein grüner, halb zugefrorener See entgegenblinzelt. Der höchste See der Welt, angeblich.

DSCF4646

Der Krater (und irgendwo im Bild hat sich Lea versteckt)

Die Schweizer empfangen uns mit Applaus, alle liegen sich kurz in den Armen. Das beste an der Sache: der 360Grad-Rundum-Panoramablick auf die bolivianisch-chilenische Grenzregion. Dutzende von Vulkanen, manche weiss/orange/rot gefärbt, andere Schneebedeckt, erweisen uns die Ehre. Die blaue und die weisse Lagune glitzern in der Sonne. Wow! Wir haben es tatsächlich geschafft! (Zwar in 8, statt in 6 Stunden, aber wen interessiert das schon). Der Versuch uns ins Gipfelbuch einzutragen scheitert daran, dass es gefroren ist und sich nicht öffnen lässt. Naja, macht nix!

IMG_7602

Gruppenfoto auf dem Gipfel: die Schweizer, Adrian, Lea, unser Guide Luis und Melina

IMG_7598

Statt Gipfelkreuz ein Gipfgelaltar – der Licancabur war den Inkas heilig

Allzu lange hält die Euphorie nicht an, uns steht ja schliesslich noch der Abstieg bevor und auch der eisige Wind lädt wirklich nicht zum Verweilen ein. Schnell noch ein paar Erinnerungsfotos geschossen und weiter geht`s, mal wieder… Statt den geplanten 2 Stunden brauchen wir 4. Unser armer Guide! Innerhalb dieser 4 Stunden verliere ich jegliche Angst vor rutschigem Untergrund und Sand-/Geroellfeldern. Wir surfen an der gefühlt steilsten Stelle den Berg hinunter! Einfach rutschen lassen und weiter laufen. Und Gleichgewicht halten. Und falls das nicht klappt, dann landet man halt auf dem Po und stoppt ein kurzes Stück später, also auch kein Problem! Lea wirkt nicht ganz so begeistert… sondern eher so, als ob sie gerade gegen ihren absoluten Tiefpunkt des Tages ankaempft…

DSCF4659

Lea hat nicht mehr ganz so viel Spass, denn jetzt sieht man wie steil es tatsächlich ist

Die Erleichterung, als dann irgendwann unser Jeep in Sichtweite gerät, lässt sich wohl kaum in Worte fassen. Jetzt ist es also wirklich ganz geschafft, alle heile, alle völlig erschöpft, auch Adrian. Licancabur, du bist besiegt!!!!!! Also bezwungen!

Meine Bilanz des Tages:

  1. Es gibt gute Gründe warum man normalerweise nicht in Höhen von 6.000m unterwegs ist… Alles ab 5.000 ist echt ungemütlich!
  2. Ich bin wohl eher das, was man einen “Genusswanderer” nennen wuerde
  3. Das Glücksgefühl einen so hohen Gipfel mit den eigenen 2 Beinen erklommen zu haben ist einfach unbeschreiblich!!!

 

DSCF4653

Trotz aller Anstrengung: der Ausblick war unglaublich!

 

Advertisements

2 thoughts on “Licancabur, wir kommen! [guest post by Melina]

  1. Pingback: Looking back at five months of travel… | letters from the road

  2. Pingback: My Southamerica trip in numbers | letters from the road

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s